Geschichte des Shotokan Karate

 

Die Entstehung der Karate-Stilrichtung Shotokan ist eng mit dem Leben und Werk von Gichin Funakoshi (1868–1957) verbunden, der als Begründer des modernen Karate gilt.

Funakoshi Gichin

 
 

Ursprünge des Karate

  • Karate entwickelte sich auf der Insel Okinawa bis ins 19. Jahrhundert durch die Kombination einheimischer Kampfkünste (Te) mit Einflüssen aus dem chinesischen Kung Fu.
  • Der Name "Karate - Leere Hand" wurde aber erst zu Beginn ds 20. Jahrhunderts geprägt.

Einfluss von Gichin Funakoshi

  • Gichin Funakoshi wurde 1868 in Okinawa geboren und war Schüler der Meister Anko Itosu und Anko Azato, die jeweils unterschiedliche Traditionen des Te lehrten.
  • Funakoshi kombinierte Elemente aus den Stilen Shorin-Ryu (leicht und schnell) und Shorei-Ryu (stark und kraftvoll), um ein neues, strukturiertes System zu entwickeln.

Einführung des Karate in Japan

  • Im Jahr 1922 wurde Funakoshi eingeladen, Karate in Tokio vorzustellen. Seine Demonstration fand großen Anklang, und er blieb in Japan, um Karate weiterzuverbreiten.
  • Er eröffnete das erste Karate-Dojo in Tokio, das später als "Shotokan" bekannt wurde.

Der Name "Shotokan"

  • Der Name Shotokan setzt sich zusammen aus:
    • Shoto“ – das Pseudonym, unter dem Funakoshi Gedichte schrieb, bedeutet „wogende Kiefern“.
    • Kan“ – bedeutet „Halle“ oder „Gebäude“.
  • Das erste Shotokan-Dojo wurde 1939 in Tokio eröffnet, wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Charakteristika von Shotokan

  • Tiefe, stabile Stellungen wie Zenkutsu-dachi (Vorwärtsstellung) und Kiba-dachi (Reiterstellung).
  • Klare, starke Techniken mit einem Fokus auf kraftvolle Schläge und präzise Bewegungen.
  • Shotokan betont die Grundschule (Kihon), Formen (Kata) und Partnerübungen (Kumite) als zentrale Trainingsmethoden.

Philosophische Einflüsse

  • Funakoshi legte großen Wert auf die philosophischen und ethischen Aspekte des Karate-Do. Seine berühmten "20 Regeln des Karate" ("nijuukun")spiegeln diese Prinzipien wider.
  1. Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.
  2. Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.
  3. Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.
  4. Erkenne zuerst dich selbst, dann den Gegner.
  5. Die Kunst des Geistes ist wichtiger als die Kunst der Technik.
  6. Lerne, deinen Geist frei zu machen.
  7. Unglück entsteht durch Nachlässigkeit.
  8. Karate-Training findet nicht nur im Dojo statt.
  9. Karate ist ein lebenslanges Streben.
  10. Karate ist auch im täglichen Leben anwendbar.
  11. Karate ist wie heißes Wasser – es kühlt ab, wenn du es nicht ständig wärmst.
  12. Denke nicht an das Gewinnen, denke daran, nicht zu verlieren.
  13. Passe dich deinem Gegner an.
  14. Der Ausgang eines Kampfes hängt davon ab, wie man mit Schwachstellen umgeht.
  15. Bewege dich entsprechend dem Gegner.
  16. Betrachte die Hände und Füße des Gegners als Schwerter.
  17. Wenn man eine Öffnung sieht, stürme hinein.
  18. Beginner brauchen ständige Übungen, Experten suchen nach Natürlichkeit.
  19. Denke stets an Vorwärtsgehen, sei immer aufmerksam.
  20. Betrachte Karate als eine unendliche Suche nach Perfektion.
 

Weitere Veränderungen nach Gichin Funakoshis Tod

Nach dem Tod von Gichin Funakoshi (1957) und bereits in der Zeit vor seinem Tod hatte sich das Shotokan Karate weiterentwickelt, insbesondere durch den Einfluss seines Sohnes Yoshitaka Funakoshi (auch bekannt als Gigō Funakoshi) und durch die Meister der nachfolgenden Generationen. Hier ist ein Überblick über diese Veränderungen:

Einfluss von Yoshitaka Funakoshi

Yoshitaka Funakoshi (1906–1945) war einer der einflussreichsten Personen in der Weiterentwicklung des Shotokan-Stils. Er nahm entscheidende Modifikationen an der Praxis des Karate vor:

Technische Veränderungen

  • Tiefere und stabilere Stellungen: Yoshitaka führte tiefere Stellungen ein, insbesondere Zenkutsu-dachi (lange Vorwärtsstellung) und Kiba-dachi (Reiterstellung), um die Standfestigkeit zu verbessern.
  • Dynamischere Hüftbewegungen: Er betonte den Einsatz der Hüfte zur Erzeugung von mehr Kraft in den Techniken.
  • Entwicklung neuer Techniken: Einführung von hoher Beintechnik (Mawashi Geri, Yoko Geri) und dynamischeren Kicks.
  • Atemtechniken und innere Energie (Ki): Mehr Gewicht auf den Einsatz von Atemkraft und die Entwicklung von innerer Stärke (Ki).

Yoshitaka legte mehr Wert auf den sportlichen und kämpferischen Aspekt des Karate als sein Vater, der stärker die philosophische Seite betonte.

Shotokan nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg markierte eine Zäsur in der Geschichte des Karate. Nach dem Krieg begannen ehemalige Schüler von Gichin und Yoshitaka Funakoshi, das Karate international zu verbreiten und weiterzuentwickeln.

Veränderungen durch die Japan Karate Association (JKA)

Die Japan Karate Association (JKA) wurde 1949 gegründet und spielte eine Schlüsselrolle bei der Standardisierung und Verbreitung des Shotokan-Karate. Führende Meister waren:

  • Masatoshi Nakayama (1913–1987): Einer der wichtigsten Schüler Funakoshis und der erste Cheftrainer der JKA. Er modernisierte Karate durch die Einbeziehung wissenschaftlicher Trainingsmethoden und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Dynamic Karate“.
  • Standardisierung des Kumite und der Katas: Nakayama trug dazu bei, Kumite (Freikampf) in verschiedenen Formen zu systematisieren. Er führte auch ein Punktesystem für Wettkämpfe ein.
  • Sportkarate: Die JKA förderte den Wettkampfstil, wodurch sich das Shotokan von seiner ursprünglichen Selbstverteidigungs- und Kampfkunstphilosophie zu einer wettkampforientierten Disziplin entwickelte.

Weitere einflussreiche Meister

  • Hidetaka Nishiyama (1928–2008): Verbreitete Karate in den USA und gründete die International Traditional Karate Federation (ITKF).
  • Keinosuke Enoeda (1935–2003) und Hirokazu Kanazawa (1931–2019): Beide trugen wesentlich zur weltweiten Verbreitung des Shotokan-Karate bei. Kanazawa gründete später die Shotokan Karate-Do International Federation (SKIF).

Wichtige Veränderungen und Trends

  1. Sportliche Ausrichtung: Wettkampfkarate mit Kata- und Kumite-Wettbewerben wurde populär.
  2. Betonung der Dynamik und Schnelligkeit: Im Gegensatz zur ursprünglichen Philosophie der Selbstverteidigung kam es zu einer stärkeren Betonung der sportlichen Leistung.
  3. Differenzierung traditioneller und sportlicher Karate-Stile: In späteren Jahren gab es eine Rückbesinnung auf die traditionellen Werte des Karate, wie sie Gichin Funakoshi lehrte, als Gegenbewegung zur reinen Sportorientierung.

Shotokan Karate in Deutschland

Nach Deutschland kam das Shotokan Karate vor allem durch Jürgen Seydel und andere japanische Lehrmeister. Daraus entwickelte sich unter Instruktoren wie Hideo Ochi und Akia Nagai das Karate, wie wir es heute in Deutschland kennen. Es gibt mehrere Karate - Verbände in Deutschland, doch nur der Deutsche Karate Verband (DKV) ist vom Deutschen Olympischen Sport Bund (DOSB) als Dachorganisation anerkannt. Daneben gibt es jedoch noch viele weitere Organisationen, wie z.B. Shotokan Karate-Do International Deutschland (SKID) oder dem Deutschen Japan Karate Bund (DJKB).
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